1.
Das einzige Tier, das sich weigerte in die Arche Noah einzusteigen, war der Einhorn. Er schwamm im Strom und sein Horn widerstand lange der Wasserflut.
Den Begriff der Arche Noah der Wirklichkeit in der ich lebe und aus der ich komme anpassend, interessieren mich in diesem Text vor allem die Möglichkeiten eines Einhornes. Es versteht sich, dass ich das Wort "Einhorn" für diese Gelegenheit auf die Existenz des Schöpfers beschränke. Und Canetti sagt im Epilog von "Masse und Macht": "Denn die einzige Lösung, die sich dem leidenschaftlichen Drange zu überleben bietet, eine schöpferische Einsamkeit, die sich die Unsterblichkeit verdient, ist ihrer Natur nach nur für wenige eine Lösung". Und doch ist das für mich die einzige Möglichkeit und ihr folge ich seit ich das Handwerk des Schriftstellers betreibe. Nur aus dieser Perspektive kann ich über die Wirklichkeit, in der ich lebe, sprechen.
Das Problem mit Jugoslawien ist, dass heute ein jeder (und ein jeder tut es auch) zu diesem Thema sagen kann, was immer er will und wenigstens in einigen Punkten Recht behalten wird. Aber, Btuchstücke der Wahrheit haben nicht die Eigenschaften des Ganzen, dem sie entrissen wurden. In seinem letzten Interwiev sagt Jurij Lotman: "Es ist einfach viel mehr zu reden, als man weiss und viel mehr, als man denkt. Die Welt, in der wir leben, neigt immer mehr dazu, die wichtigsten Werte zum niedrigsten Preis zu bekommen. Eigentlich kann man die Wahrheit nur dann erlangen, wenn man ihretwillen sich selbst zerstört".
Zurfällig weilte ich in den letzten drei Jahren oft länger ausserhalb meines Landes und änderte so die Perspektive, aus der ich die katastrophalen Ereignisse betrachtete. Diese ziemlich schizophrene Situation ermöglicht mir IRGENDWO DAZWISCHEN zu sein, woher man klarer den Grad der gegenseitigen Univerständnis verschiedener Wirklichkeiten erkennen kann. Aber, kann man drinnen sein und einen Einblick auch von aussen, oder draussen, und einen Einblick auch von innen haben? Ich ahne, dass ein längerer Aufenthalt in diesem geisterhaften Raum, den ich IRGENDWO DAZWISCHEN nenne, ein gefährlicher Weg ist, weil es kein spezielles Boot für Einhorne gibt, sodass in der Flut zu schwimmen, die einzige Möglichkeit bleibt.
In den letzten Jahren den katastrophalen Folgen der Serbischen Macht, die in einer Person, Slobodan Milosevic, verkörpert ist, gegenübergestellt, dachte ich oft über eine wirksame Verteidigung nach, aber auch über die Möglichkeiten diese Macht mit eigenem Wirken zu zerstören. Canetti bietet uns den Mythos des südamerikanischen Volkes Uitoto an. Das ist jene Geschichte über eine kleine Schlange, die mit Stärke gefüttert wurde, reisig wird und beginnt die Menschen eines Stammes zu verschlingen, angefangen mit dem Mädchen, das sie gefüttert hat. Wenn die Katastrophe die fürchterlichsten Ausmassen annimmt, entschliesst sich der Vater des Mädchens sich selbst verschlingen zu lassen um so in den Leib der Schlange zu gelangen. Bewaffnet ist er nur mit einem Tabakgefäss und einer Muschel. Um in herum zerfallen die Menschen, die Schlange verschlungen hat, aber es gelingt ihm zu überleben, indem er am Tabak leckt, um dann im geeigneten Augenblick mit dem scharfen Rand der Muschel den Magen der Schlange aufzuschlitzen und sie so zu überwältigen. Also überlegte ich oft welche Muschelart einem dem Zerfall und Verfaulen gegenübergesetzten Schriftsteller übrigbleibt, in einer heute so isolierten Wirklichkeit, wie Jugoslawien eine ist?
2.
Das Wort "Schriftsteller" kennzeichnet ein breites Gebiet, in das Autoren verschiedenes künstlerischen Potentiales hineingehören, denn der Höhenspiegel des Talentes unterscheidet sich sehr, und das ist wichtig für mein Thema. Das sage ich aus der Erfahrung eines Schriftstellers, der im Laufe der dem Krieg in Kroatien und Bosnien vorangegangenen Jahre die Gelegenheit hatte, die Metamorphose von Intelektuellen und Schriftstellern zu betrachten.
Tatsache ist, dass der kleine, graue Aparatschik, welcher der jetzige "Principe" in Serbian war, niemals die heutigen Dimensionen einer riesigen Schlange, die ganze Siedlungen verschlingt, hätte annehmen können, wenn ihm intellektuelle Menschen, unter denen es auch Schriftsteller gab, nicht Stärke gegeben hätten. Zum wer weiss wievielten Mal in der Geschichte tritt eine naive Elite zum Vorschein, die glaubt den Machthaber, den auch ein bestmmter historischer Zeitpunkt bildet, zu eigenen Zwecken ausnützen zu können, um ihn dann von der Bühne zu schaffen. Doch, gerade diejenigen, die glaubten alle Fäden in ihren Händen zu halten, erkennen sich plötzlich in der Rolle schlichter Puppen. Wann immer dem Luftballon des serbischen Nationalismus eine Landung droht, schmeisst der Führer die "abgenutzten" Puppen aus dem Korb weg, und er steigt wieder zu den Wolken.
Ich befürchte, dass die derzeitige Situation auf dem Balkan Milo_evi_ zur Hand geht. Andere zu benützen, um dem eigenen politischen Tod auszuweichen, meistert er virtuos. Er hält immer einen Extremisten in Reserve, den er vorher selbst erschaffen hat, und bringt ihn zum Operpfahl, wann immer die Weltöffentlichkeit von ihm eine Veränderung verlangt. Man sollte nicht vergessen, dass Milo_evi_ bei seinem Aufmarsch zum Thron der unbegränzten Herrschaft ein wichtiges Datum in der serbischen Geschichte ausgenutzt hat, den 28. Juni 1989, die 600-Jahresfeier der Schlacht auf dem Amselfeld (Kosowo). An diesem Tag versammelten sich auf dem Amselfeld über eine Million Menschen, und Milosevic selbst kam zum Meeting in einem Hubschrauber, stieg vom Himmel hinunter wie eine Gottheit. Die Schlacht auf dem Amselfeld ist im Bewusstsein der Serben ein mythisches Bild, wo das serbische Heer im Jahr 1389. von den Türken besiegt wurde, und mit diesem Tag beginnt der Zerfall des serbischen Reiches. Im Hubschrauber auf das Amselfeld hinuntergestiegen, übernahm Milosevic die Atribute einer Gottheit und bot in seiner Rede auf diesem Ort der grössten serbischen Niederlage die prophetischen Worte über die glückliche Zukunft des serbischen Volkes an, die sich, natürlich, in seinen Händen befindet.
"Ein Ziel, das ausserhalb jedes einzelnen liegt und für alle zusammenfällt, treibt die privaten, ungleichen Ziele, die der Tod der Masse wären, unter Grund", sagt Canetti. "Für ihren Bestand ist die Richtung unentbehrlich. Die Furcht vor Zerfall, die immer in ihr rege ist, macht es möglich, sie auf irgendwelche Ziele zu lenken. Die Masse besteht, solange sie ein unerreichtes Ziel hat".
Je weiter das Ziel ist, sind die aussichten grösser die Kochesion der Masse aufrechtzuerhalten. Dann hat aber eine wichtige Rolle: das Wiederholen. "Meetings der Wahrheit" sind eine alltägliche Disziplin der serbischen Wirklichkeit geworden. Der finstere Populist, mit der Stärke des Nationalismus gefüttert, die ihm grosszügig ein Grossteil der serbischen Elite gab, wusste mit den wenigen Gescheiten abzurechnen, die seine Visionen nicht teilten. In erster Linie schuf er mit seiner Politik eine Pseudokultur, indem er den Falsifikaten die Rolle der Originale gab. Bei dieser Tätigkeit war ihm nichts heilig, auch die wichtigen Nerven der serbischen Geschichte nicht.
Aber, der erste Schritt bei Milosevics Aufstieg war die Beherrschung der mächtigen Medien (staatliches Fernsehen und grosse Tageszeitungen). Hören wir uns noch einmal Canetti an: "Im Publikum der Zeitungsleser hat sich eine gemilderte, aber durch ihre Distanz zu den Ereignissen um so verantwortungslosere Hetzmasse am Leben erhalten, man wäre versucht zu sagen, ihre verächtlichste und zugleich stabilste Form. Da sie sich nicht einmal zu versammeln braucht, kommt sie auch um ihren Zerfall herum, für Abwechslung ist in der täglichen Wiederholung der Zeitung gesorgt". Ich brauche nicht zu erwähnen, dass die Medien den Ton für den Krieg auf den Gebieten des ehemaligen Jugoslawien angegeben haben. Die mythische Vergangenheit herbeirufend, schufen sie langsam die Komponente der Zeit ab. "Gestern" ist der Massstab unseres "Heute" geworden, und deshalb ist das "Morgen" ungewiss.
Einige Kapital von "Masse und Macht" stellen erschreckende Analogien im Verhätnis zur Wirklichkeit des Landes dar, das sich heute Jugoslawien nennt. Zum Beispiel ist bei Milo_evi_ die Angst bemerkbar, sich dem Tod gegenüberzustellen. Kein einziges Mal im Laufe des Krieges in Kroatien und Bosnien hat er ein Krankenhaus mit Verwundeten und Invaliden besucht, und mit der Formulierung "Serbien steht nicht im Kreig", hat er sich nicht nur vom Schrecken der Wirklichkeit, die re teilweise selbst kreiert hat, distanziert, sonderen sie auch in der Manier eines Kindes abgeschaffen, das mit seinen Händen die Augen zudeckt.
Doch, was mein Interesse in diesem Text weckt, sind die Möglichkeiten eines Schriftstellers, der die Stärke des Nationalismus nicht in seinen Händen trägt. Was geschieht mit denjenigen, die an der derzeitigen serbischen Macht nicht partizipieren, und, was noch wichtiger ist, was geschieht mit denjenigen, die niemals ein Teil des Systems gewesen sind? Das ist für ganz Osteuropa eine wichtige Frage, da heute in diesem Raum viele ehemalige Aparatschiks im Westen das "Image" irgendwelcher "Dissidenten" und "Demokraten" beanspruchen. Für oberflächliche Analysen der Medien in der Welt bezüglich des Krieges in Kroatien und Bosnien sind vielleicht am meisten die noch gestern überzeugten Aparatschiks aus allen Teilen Ex-jugoslawiens schuldig, die sich im Westen mit dem Oreol eines Demokraten, und, selbstverständlich, Experten zieren.
3.
Im Essay "Ratschläge für einen jungen Schriftsteller", sagt Danilo Kis, den manche für den letzten jugoslawischen Schriftsteller halten, folgendes:
"Hege Zweifel an herrschende Ideologien und Prinzen.
Halte dich von Prinzen entfernt.
Hüte dich davor, deine Worte mit der Sprache der Ideologie zu vernseuchen.
Glaube mächtiger als ein General zu sein, vergleiche dich aber nicht mit
ihm.
Glaube nicht schwächer als ein General zu sein, vergleiche dich aber nicht
mit ihm.
Glaube nicht an utopische Projekte, ausser in solche, die du selbst machst".
Obwohl ich mich nicht mehr für einen jungen Schriftsteller halte, denke ich oft über Ki_s Ratschläge nach, über die grundlegenden Postulate, die die Welt eines Künstlers zusammenfassen. Es scheint mir, die wichtigste Kategorie im Leben eines Schriftstellers ist: die BESTÄNDIGKEIT. Natürlich ist das keine Angelegenheit der momentanen Entscheidung, sondern eine Lebenseinstellung. Beständig zu sein, bedeutet für einen Schriftsteller den Zaubern des "Umkleidens" zu widerstehen in Zeiten, wenn auch die Getreuen verschiedener kommunistescher Systeme zu "neuen" Menschen werden.
Die Zeit, in der ich lebe, ist dem Punkt nahe, ab dem es keinen Vergleich mit der Vergangenheit mehr gibt, und somit auch keinen Trost. Denn, wie tragisch auch die Situationen waren, in denen sich das serbische Volk in diesem und vergangenem Jahrhundert befand, moralisch war es nie so tief gesunken. Deises Volk wird von der FÜNFTEN KOLONNE angeführt, von Amphibien, deren Metamorphosemöglichkeiten unbegrenzt sind. Aus Kommunisten sind Sozialisten, aus Internationalisten verbissenen Nationalisten, aus Krininellen sind Patrioten geworden, und so der Reihe nach. Der Hass der "Antikommunisten", mit dem sie ihre kommunistische Vergangenheit filtrieren, schafft nur ein DOPPELBILD. Und was heisst es, sich heute für das Serbentum zu entscheiden, wenn "Rekruten" jahrelang untertänig den Seancen der Kommunistischen Partei beigewohnt haben? Können Menschen mit einem FLÜSSIGEN CHARAKTER Demokraten sein? Das Haus sauberzumachen sieht nicht auch den Umtausch von Möbeln vor.
Die Möglichkeiten des Schriftstellers (ich vermeide es, das Eigenschaftswort unabhängig zu gebrauchen, weil ich aus der Perspektive eines Einhorns schreibe) also im Land des Überlebens, wie es heute Jugoslawien ist, beeinflussen sicherlich auch die Wirtschaftssanktionen der UNO, die auch das Feld der Kultur nicht umgangen haben. Ich möchte daran erinnern, dass Milosevic gleich am Anfang seiner Herrschaft das Motto formuliert hat "Die ganze Welt ist gegen uns", geschickt auf dem einheimischen Terrain alle jene abweisend, die sich auf den gesunden Menschenverstand beriefen und behaupteten, dass das eine paranoide Formel ist. Die UNO Sanktionen haben seine Macht noch mehr gestärkt, weil ihm die Sanktionen den entscheidenden Beweis gegen jene in die Hände spielten, die sich beständig auf den "Rest" der normalen Welt beriefen. Auf diese Weise sind gerade diejenigen, die am Anfang des Krieges eine "Sekte der Normalen" darstellten, die heute isolierteste Gruppe in Serbien geworden. Obwohl Vergleiche mit vergangenen Ereignissen eine undankbare Angelegenheit sind, komme ich nicht umhin und muss an die Rolle des Westens erinnern, präziser gesagt der Anglosmerikaner, die nach dem zweiten Weltkrieg auf dem gesamten Gebiet Jugoslawiens das demokratische Element, das aus dem Land nicht fliehen konnte oder wollte, Titos Methoden überlassen haben.
4.
Der grosse Magier der Literatur, Vladimir Nabokov, geboren in Sankt Petersburg, wo er auch aufgewachsen ist, verlässt Rusland zur Zeit der Oktoberrevolution und verbringt die folgenden zwei Jahrzehnte als Emigrant, hauptsächlich in Berlin. Als Vierzigjäriger, vor dem Entflammen des Zweiten Weltkrieges, verlässt er die Gestalt seines bisherigen literarischen Pseudonyms Sirin und wird Nabokov. Aber, in diesem Moment verlässt er auch seine russische Muttersprache und beginnt auf Englisch zu schreiben, nachdem er nach Amerika emigrierte. Doch Nabokov ist in vielen Dingen ein einzigartiges Beispiel. Es scheint mir, dass sein Schicksal, geleitet von hohen moralischen Ansätzen, im Vergleich zu den Schöpfern des BÖSEN belehrend ist, wenn auch nur als Trost für die Wirklichkeit, in der ich lebe.
Schon immer impressionierte mich die Kraft Nabokovs, mit der er die schrecklichen Themen der höllischen Welt der Oktoberrevolution verdrängte, Themen, die ihm vor Lolita Weltruhm hätten bringen können, und statt dessen in die Welt seiner Helden eintauchte, die er in den Pensions von Berlin und Paris fand, später in leisen Universitätsstädten in Amerika, in jener Schicht des Lebens, die unveränderlich ist, wo auch immer wir den Sand der Zeit verbrauchen, der uns gegeben ist.
Im Roman "Das wirkliche Leben des Sebastian Knight", erwähnt Nabokov an einer Stelle Menschen, denen die Vergangenheit die einzige Hoffnung und der einzige Beruf ist. Das sind Menschen, die nach der Oktoberrevolution Russland verliessen, durch Europa herumirrten und darauf warteten, dass das Rote Ungeheuer verreckt und sie in ihre verlassenen Heime zurückkehren können. Doch das Rote Ungeheuer lebte weiter, und sie starben vergessen in Enklaven europäischer Städte. Verarmte Gräfe, echte und falsche, verbeugten sich vor Luxushotels in ihren Portierrollen, in Bars spielten sie russische Romanzen, unterrichteten Fechten, Ballett und Reiten.
Warum erwähne ich Nabokov? Als Scriftsteller suche ich verständlicherweise Beispiele und Trost in der Literatur. In diesem Augenblick hat Serbien seine Jugend in aller Welt verstreut. Etwa dreihundert Tausend junger und grösstenteils gebildeter Menschen irren heute zwischen New York und Prag, zwischen Amsterdam und Johannesburg herum. Unter ihnen befinden sich auch viele junge Schriftsteller und Künstler, die sich jetzt damit auseinandersetzen die Gestalt des "Sirin" zu verlassen und in die Weiten einer anderen Indentität in See zu stechen. Für einige wird das auch eine neue Sprache sein. Die im Lande verbliebenen werden andere Wege beschreiten.
5.
Schon immer habe ich den "Infantilismus" als die mächtigste Waffe des Schriftstellers erlebt. Natürlich meine ich nicht jene Schriftsteller, die mit der täglichen Politik koketieren. Wenn ich "Infatilismus" sage, dann rufe ich authentische Welten aus dem Atlas der Weltliteratur herbei, an deren Übermacht ich glaube, ungeachtet der Trümmer, zwischen denen ich momentan lebe. Den gleichen Atlas gebrauche ich durch die "Wirklichkeit" schreitend. Kann ein Mensch, dessen Geist aus den Schichten von Dantes und Shakespeares Versen, Anblicken aus Cervantes "Don Quijote" oder den Erzählungen von Borchert gebildet wurde, seinen Ursprung als eine Halluzination betrachten? Ich weiss, dass eine jede Ketzerei in der Stille des eigenen Gewissens aufkeimt. Die Wahrheit der Kunst kennt keine Quantität, und deshalb beabsichtige ich nicht irgendjemanden von der Richtigkeit meiner "Thesen" zu überzeugen.
Wie der untere und obere Blutdruck im menschlichen Körper, so pulsieren auch die Welt der Wirklichkeit und die Welt der Kunst. Mein TURM, in dem ich als Mieter verweile seit ich die Romane von Karl May durchgelesen habe, ist aus dem Humor von Cervantes, den Engen von Italo Zvevo, den Kreisbahnen von Milos Crnjanski, den pannonischen Erinnerungen von Danilo Kis gestaltet, aus der Verachtung, die Nabokov sein ganzes Leben lang gegenübrer der Wirklichkeit hegte, das Wort WIRKLICHKEIT immer zwischen Anführungszeichen setzend. Ausserdem, warum sollte die Rede eines Weltpolitikers eine wichtigere Wirklichkeit sein, als Singers Erzählungen? Das Berühmte Gebäude der UNO in New York überragt nicht die Höhe des Turmes Martello in der Bucht von Dublin, den Joyce berühmt machte.
Ein Schriftsteller hat keine andere Identität, als die Literatur. Oder sind es vielleicht die Angaben aus dem Pass? Und erst die Geburt? In meinem Fall existiert die Tatsache, dass ich als Serbe in Belgrad geboren, und in der kroatischen Stadt Pula an der Adria aufgewachsen bin, vor allem als die Art meines Eintretens in die Literatur, erst als Leser und dann als Schriftsteller. Das ist diese Eigenart, die man mit der Geburt und den zufälligen Kulissen, zwischen denen man erwachsen wird, bekommt. Später stapeln sich auf dieser Eigenart Angaben aus den Biographien der Lieblingsschriftsteller, Schichten ihrer Bücher.
Die Trümmer, die im Raum meiner ehemaligen Heimat wachsen, sind nicht endgültig, und einmal, wenn die reichen Quellen der Destruktion auf dem Balkan versiegen, werden sich die Barbaren für das folgende halbe Jahrhundert beruhigen. Die Zuschauer in der ganzen Welt glauben innigst an die Illusion, die sie unter der Chiffre der "Zeugnisse" oder gar "Dokumente" durch den Zauberkasten erreicht. Der Schriftsteller jedoch, trinkt seinen Schluck Wahrheit im TURM, den er vorher selbst errichtet hat, und dieser TURM besteht nicht aus Elfenbein, sondern aus den Schichten anderer Welten, die das Baumaterial unseres inneren Universums sind.
Die Türme von denen ich Rede, die Türme der Schöpfer, befinden sich ausserhalb der Reichweite jeglicher Waffen. Der Triumph der Kunst und Literatur existiert nur, wenn diese Diagnose nicht eine Stimme aus dem Leibe des trojanischen Pferdes ausspricht, sondern die Stimme des authentischen Schöpfers.
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