Scholem war erleichtert, als er 1980 seinen wieder aufgefundenen-Briefwechsel
mit Benijamin aus den Jahren 1933 bis 1940 vorlegen konnte: Mit dieser Korrespondenz
wollte er sich auch gegen die "rüden Vereinfachungen" zur Wehr setzen, die über
seine Versuche in Umlauf waren, Benjamin zu einer Übersiedlung nach Palästina
zu "überreden". Mit dem gleichen Gefühl der Erleichterung könnte Adorno das
nun veröffentlichte Gegenstück, seinen Briefwechsel mit Benjamin aus den Jahren
1928 bis 1940, begleiten: Er enthält eine überzeugende Rehabilitation gegen
die von Hannah Arendt in die Welt gesetzten Verdächtigungen.
Teddie und Gretel Adorno sind um den in Paris zunehmend vereinsamten und materiell bedrängten Freund in anrührender Weise besorgt; die energischen und nicht nachlassenden Initiativen, die sie ergreifen, um die prekäre Lage eines diskret-querulierenden Benjamin zu verbessern, zeigen sogar einen nicht eben mit Weltklugheit begabten Adorno von einer überraschend pragmatischen Seite. Auch an der Ernsthaftigkeit der Absicht, Benjamin rechtzeitig aus dem gefährdeten Frankreich herauszuholen, besteht kein Zweifel. Das bestätigt übrigens ein soeben im Oxford Art Journal veröffentlichtes Interview mit dem Kunsthistoriker Meyer-Schapiro, der auf Wunsch von Adorno und Horkheimer, kurz vor Ausbruch des Kriegs, den Versuch unternahm, Benjamin von der Notwendigkeit einer Übersiedlung nach New York zu überzeugen. Benjamin selbst zögerte offenbar, das europäische Milieu zu verlassen: "Well, he had already been invited by them. He didn't think he could be at home in America, granted the difference of his background and his interests".
Damit korrespondiert wiederum ein Brief, den Gretel Adorno zur selben Zeit (15. Juli 1939) an Benjamin schreibt - in der tragisch-ironischen Erwartung eines Wiedersehens, das nicht mehr zustande kam: "Ich bin ganz närrisch vor Freude und überlege mir schon dauernd, in welcher Reihenfolge man Dir die Attraktionen von New York vorführen solle, damit es Dir in der Barbarei auch ja gefällt". Benjamin konnte daraus auch das leicht Forcierte eines unterdrückten Heimwehs herauslesen; dazu brauchte er sich nur jener ambivalent-romantischen Zeilen zu erinnern, die Gretel ein Jahr zuvor, unmittelbar nach ihrer Ankunft in New York, an den Zurückgelassenen gerichtet hatte: "Surrealistische Dinge braucht man hier nicht (erst) zu suchen... Am frühen Abend sind die Turmhäuser imposant, später aber, wenn die Büros geschlossen sind, erinnern sie an europäische Hinterhäuser, die nicht genügend beleuchtet sind. Und denk Dir, Sterne gibt es und einen waagerechten Mond und herrliche Sonnenuntergänge wie in der Sommerfrische".
Natürlich kann man diese Korrespondenz aus der Kammerdienerperspektive nach "Stellen" absuchen, um sich an jenen Animositäten, die sich unter dem Überlebens - und Marginalisierungsdruck der Emigration noch verschärfen, zu delektieren. Einmal ist die Rede von Differenzen, die in tiefere Schichten reichen als "die Gereiztheiten zwischen Schreibenden"; auf diese hat Adorno zeitlebens überempfindlich reagiert; so auch hier, gelegentlich mit scharfen Formulierungen, die er wohl nicht gerne publiziert gesehen hätte. Es schmerzt zu sehen, wie er beispielsweise Kracauer, seinen alten Freund und Mentor, fallenlässt. Im übrigen trifft man aber auf die bekannte Konstellation. Hier ein Benjamin, der seine - vom wechselseitigen Argwohn begleiteten - Beziehungen zu Scholem, Brecht und Adorno zu separieren und gegen Übergriffe in der einen oder anderen Richtung intakt zu halten trachtete. Dort Adorno, der die Autorität eines (nach dem ersten Treffen in New York hinreissend charakterisierten) Scholem mit ungewohnter Scheu respektiert, der Brechts "platten" Materialismus um so unnachgiebiger verfolgt, der aus seinem Geschwisterneid gegen Marcuse und Löwenthal kein Hehl macht und sich von Bloch immer weiter distanziert, zumal nach dessen Stellungnahme zu den Stalinschen Schauprozessen. Dieses Muster hat sich in den fünfziger und sechziger Jahren kaum verändert.
Auf den ersten Blick scheint der Briefwechsel auch theoretisch nichts Neues zu bringen; seine philosophisch gewichtigsten Bruchstücke sind ja seit langem bekannt. Was nun, bis auf wenige verlorengegangene Exemplare, zum ersten Mal als ein chronologisch geordnetes Ganzes vorliegt, muss sich unter anderen Aspekten rechtfertigen. Der Leser wird Zeuge eines spannungsreichen Prozesses der tastenden Annäherung zwischen Personen, die einander kaum anders als auf diesem literarisch vermittelten Weg hätten näherkommen können. Immer wieder versichern sich die Partner zwar des Wunsches nach persönlicher Begegnung und direkter Aussprache. Aber die Kette der fortgesetzt aufgeschobenen und verhinderten Besuche --- Adorno machte zweimal einen kurzen Abstecher nach Paris ¯-spiegelt nicht nur die Widrigkeit der Umstände; sie verrät auch die uneingestandene Präferenz für den Umweg des schriftlichen Ausdrucks. Der Formzwang des brieflichen Mediums, so hat man den Eindruck, schützt einen zurückgezogenen Benjamin vor den Kontingenzen und Aufdringlichkeiten des unmittelbaren Kontakts und räumt zugleich einem in der Sache strengen Adorno die grössere Freiheit der kritischen Äusserung ein.
Die "Gereiztheiten zwischen Schreibenden" ahnt man nur ein einziges Mal, und zwar in der Korrespondenz über Adornos Antrittsvorlesung als Frankfurter Privatdozent, in der dieser Motive aus Benjamins Barockbuch aufnimmt und - in einer frühen, erstaunlich weitsichtigen Auseinandersetzung mit Heidegger - produktiv zuspitzt, ohne seine Quelle beim Namen zu nennen. Das löst auf der einen Seite Irritation und auf der anderen Seite die Überlegung aus, das Versäumte durch ein Motto oder eine Widmung beim Druck wiedergutzumachen. Tatsächlich wird die Vorlesung erst nach Adornos Tod publiziert, ohne Widmung oder Motto. Sonst wird der von gegenseitiger Behutsamkeit und einem gewissen elitären Einverständnis geprägte Austausch geradezu dirigiert von dem freundschaftlichen Druck, den Adorno von Anfang an auf die Fertigstellung der geplanten Passagenarbeit ausübt. Ein Brief vom 5. April 1934 schliesst mit den Worten: "Damit wäre ich wieder beim Ceterum Censeo. Ihren "Passagen" nämlich, die geschrieben, vollendet und getan werden müssen um jeden Preis".
Benjamin hat seine Freunde mit einem "metaphysischen Ingenium", von dem Scholem einmal als dem "hervorstechendsten Talent" spricht, eigenartig fasziniert. Ohne die Aura eines ebenso verheissungsvollen wie rätselhaften Denkgestus ist jener Bann kaum zu erklären, den das Projekt der unvollendet gebliebenen Passagenarbeit auf Adorno nicht weniger als auf Scholem (übrigens ungebrochenen bis zu dessen Tod) ausgeübt hat. Die enthusiastische Erwartung die Adorno damit verband, hatte projektive Züge im doppelten Sinne des Wortes. Ohne ein Gran von Rhetorik erwartet er von Benjamin "das uns aufgegebene Stück prima philosophia" und "das entscheidende Wort, das heute philosophisch gesprochen werden kann". Benjamin widerspricht dem nicht: Diese Arbeit sei der eigentliche, wenn nicht der einzige Grund, "den Mut im Existenzkampf nicht aufzugeben". Allerdings steckt in Adorno fordernder Ungeduld auch ein Moment Aneignung.
Adorno wird für Benjamin, der sich erst zögernd der beinahe ungestümen Verehrung des Jüngeren öffnet, im Lauf der Jahre zum theoretischen Gewissen, zu einer Art philosophischem Über-Ich, weil diesem, so scheint es wenigstens, nach und nach eine Definitionsgewalt über die Richtung zuwächst, in der sich die Passagenarbeit entwikkeln soll. Vor diesem Hintergrund gewinnt der Briefwechsel doch noch ein theoretisches Interesse; die verschiedenen Variationen eines gemeinsamen Themas treten deutlicher hervor als bisher.
Beiden Seiten geht es um eine Verschränkung des Archaischen mit der Moderne; und wie sich eins im anderen abbildet, soll sich ¯-Bataille! ¯- an Abfällen und Trümmern, an der historisch abgeblätterten "Dingwelt des 19. Jahrhunderts" bestimmen lassen. Benjamin möchte in den archaischen Zügen der Moderne, die zu "dialektischen Bildern" geronnen sind, zweierlei dechiffrieren - sowohl die destruktive Wiederholung des alten Unheils als auch eine gegen die zerstörerische Moderne gerichtete Ursprungskraft, die das Unheil wenden könnte. Dieses zweite Moment der Rettung und Bergung eines erst zu entbindenden Ursprünglichen ist Adorno suspekt. Für ihn ist das Archaische ohne Rest geschichtlich produziert; was die Geschichte zum Verstummen gebracht und als "prähistorisch" nur vermummt hat, strahlt einen falschen Zauber aus.
Adorno verbietet sich den Rekurs auf ein Ursprüngliches, das die Moderne, der es doch zugehört, ganz ins Unrecht setzen könnte. Er macht deshalb von Grundbegriffen wie Verdinglichung oder Tausch - und Gebrauchswert einen anderen Gebrauch als Benjamin. Adorno ist kein Lebensphilosoph. Er widersteht dem Impuls, das Verdinglichte ganz ins Spontane, den Warenfetisch nur in den verzehrenden Prozess der Aneignung auflösen zu wollen; er verteidigt das wahre Moment an der Dingform nicht nur im Hinblick aufs Kunstwerk - denn allein "dem dinghaft verkehrten Leben ist ein Entrinnen aus dem Naturzusammenhang versprochen". Kurzum, es gibt kein Ursprüngliches "hinter" der Moderne, das sich nicht deren eigenen regressiven Tendenzen verdankte.
Als Grundtenor zeiht sich durch den Briefwechsel Adornos Warnung, die "dialektischen" Bilder nicht mit den "archaischen" von C. G. Jung oder Ludwig Klages zu verwechseln: Sonst führe nämlich "die Entzauberung des dialeltischen Bildes geradewegs in ungebrochen mythisches Denken, und wie dort Jung, so meldet hier Klages als Gefahr sich an". In dieselbe Kerbe schlägt die wiederholte Kritik an Benjamins "anthropologischem Materialismus", überhaupt an seinem jungkonservativen Begriffsregister. Adorno wittert in den Texten des Freundes noch die leisesten Spuren einer Auratisierung von Urgestalt, Haltung, Geste, Leiblichkeit und so weiter. Massiv wird er freilich nur beim entfernteren Roger Callois, der mit Bataille und Leiris ein "Collège de Sociologie sacrée" gegründet hatte; ihm wirft er, als hätte er die Stossrichtung von Matthes & Seitz schon geahnt, eine "antihistorische, der gesellschaftlichen Analyse feindliche und in der Tat kryptofascistische Naturgläubigkeit (vor), die am Schluss zu einer Art Volksgemeinschaft von Biologie und Imagination führt".
Benjamin lässt sich von diesen Vorhaltungen immerhin so weit beeindrucken, dass er eine "mangelnde Bewältigung des Archaischen" zugibt und sich (scheinbar) auf den Plan einlässt, einen Aufsatz über C. G. Jung zu schreiben, der "die Grenzscheide zwischen archaischem und dialektischem Bild" deutlich machen solte. Gegenüber den zahlreichen Mahnungen Adornos verschanzt er sich schliesslich hinter einer Präferenz Horkheimers für den Baudelaire-Aufsatz, um die in Aussicht gestellte Abrechnung mit Jung nicht ausführen zu müssen.
In diesem Tauziehen um die Konzeption des Passagenwerks zeichnet sich bei Adorno eine eigenständige philosophische Intention ab. Er gewinnt in diesen dreissiger Jahren ein Profil, das jedenfalls nicht zu dem Klischee einer vermittelnden Stellung zwischen Benjamin und Horkheimer passt. Offenbar ist Adorno nicht nur der philosophisch Geschulte, der gegenüber einem zitatensammelnden und - montierenden Benjamin auf der theoretischen Durchdringung des Materials beharrt, während er andererseits die von dort empfangenen, spekulativen Denkanstösse theologisch entschlackt, um sie dann in Santa Monica zusammen mit Horkheimer zu einer negativistischen Geschichtsphilosphie zu verarbeiten, nachdem dieser - an der interdisziplinären verzweifelnd - das Programm der Zeitschrift zugunsten einer Kritik der instrumentellen Vernunft preisgegeben hatte.
Wenn Adorno damals mit Benjamin "im Neuen, als Schein und Phantasmagorie, das Alte" entdeckte und wenn er, gewiss, damals schon die Aufklärung in Mythos umschlagen sah, so blieb er doch weit davon entfernt, an dem derart entzifferten Mythos irgend etwas "retten" zu wollen: "Die Ware als dialektisches Bild verstehen heisst eben, auch sie als Motiv ihres Untergangs und ihrer 'Aufhebung' anstatt der blossen Regression aufs Ältere verstehen". Weil er das "Ineins" von Fortschritt und Dekadenz anders verstand als Benjamin, war er gegen jede plane Kritik am Fortschritt immun. Nichts machte Adorno nervöser als die "mythischen und archaisierenden Tendenzen" der dreissiger und, ach, nicht nur der dreissiger Jahre: "So scheint mir denn die Kategorie, unter welcher die Archaik in der Moderne aufgeht, weit weniger das goldene Zeitalter als die Katastrophe".
Auch in den Briefen, die vor der Zensur sicher waren, finden die bedrängenden politischen Ereignisse erstaunlicherweise nur eine spärliche Erwähnung. Die Einschätzung der politischen Lage bleibt zudem auf beiden Seiten lange genug illusionär. Erst 1938 bahnt sich eine Katastrophenstimmung an; dennoch scheinen die Kriegsereignisse über Benjamin wie eine unerwartete Katastrophe hereinzubrechen.
So unpolitisch die Einstellungen und Urteile der Briefpartner uns heute, mit dem Besserwissen der Nachgeborenen, erscheinen, so untergründig kommunizieren doch die Tiefenschichten ihrer Theorie mit dem Unheil des unvorhersehbaren Zivilisationsbruchs. In offensichtlicher Weise gilt das für die berühmten Geschichtsphilosophischen Thesen, die Benjamin in einem Brief vom 7. Mai 1940 (!) ein einziges Mal erwähnt. Aber unübersehbar ist auch die politische Substanz des sondierenden Denkes, das Adorno mit seiner untrüglichen Sensibilität für die aus nächster Nähe drohenden Gefahren, hier also in der Auseinandersetzung mit Benjamin, exerziert.
Die Disposition zu dieser Art der Kritik des Falschen im Eigenen ist es, die Adornos spätere Wirkungsgeschichte in der frühen Bundesrepublik erklärt. Adorno hat eine Generation von Assistenten, er hat ein, zwei Generation von Studenten und ein lernbereites Publikum, das seine Essays las und seine Rundfunkvorträge hörte, empfindlich gemacht für die Verstümmelungen und die marginalisierten Potentiale, für das Fremdgewordene und Eingekapselte in den eigenen Traditionen. Albrecht Wellmer hat Adorno den seltenen Fall eines Philosophen genannt, der zugleich ganz der Moderne angehörte und der deutschen Tradition; darauf führt er jene befreiende Wirkung seines Denkens zurück, das "gegen die Versuchungen des Archaischen gefeit war und doch den romantischen Impuls in sich bewahrte".
Heute wird über die "Westorientierung" der Bundesrepublik wieder gestritten, über die kulturelle mehr noch als über die politische. Adorno hat das westlich-humanistische Erbe aus der deutschen Tradition selbst herausheben können, weil er zugleich deren Zweideutigkeiten ans Licht brachte. Er hat mit Kant und Marx, Heine und Freud, mit Karl Kraus, Schönberg und Kafka einen ausgrenzenden und korrumpierten Bildungshumanismus ebenso wie den strammen oder exaltiert-raunenden Antihunmanismus gegen den kulturfeindlichen Strich gebürstet. Jenem Heinrich Heine, der "die Partei der Blumen und der Nachtigallen" mit der der Revolution verbunden hatte, haben die Deutschen lange genug nicht verziehen; sie haben ihm nicht verziehen, dass er "ihr" romantisches Erbe dem fatal Volkstümlichen und falsch Historisierenden, der verklärenden Sentimentalität entführt und den eigenen, radikalen Ursprüngen in der Aufklärung zurückgegeben hat. Die Ranküne, der Adorno zu Lebzeiten und bis heute begegnet, lässt ein ähnliches Motiv vermuten. Dem Feuilleton der FAZ fiel beispielsweise zu seinem 25. Todestag nichts Besseres ein, als aus gehässigen Stimmen hämischer Kleingeister ein Potpourri anzurühren. Sie können Adorno die Denunzierung falscher Kontinuitäten nicht verzeihen; nicht verzeihen jeden ethnologischen Blick auf das Barbarische im Innertsten, der uns heute, mit einer misstrauischen Distanz von unserer Überlieferung, erst die Möglichkeit für eine Identifikation mit ihr gibt.
Seitdem die Wiederbelebungsversuche am jungkonservativen Gedankengut so munter von Syberberg und Bergfleth zu Heiner Müller und Botho Strauss fortgeschritten sind, wird es von Tag zu Tag ungewisser, ob sich die Adornosche Traditionslinie kritischer Selbstvergewisserung in der Zapfenstreich-Normalität der Berliner Republik wird fortsetzen lassen.
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