Für die Redaktion: Obrad Savic und Zoran Jankovic
Der Dichter und die Sirenen

[ Eine Begegnung mit H. M. Enzensberger ]


Das unlängst geführte Gespräch und die Begegnung mit dem namhaften deutschen Dichter und Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger verlief im Geiste der berühmten Wendung Celans - "la poesie ne s'impose pas, elle s'expose" - "die Poesie zwingt sich nicht auf, sie setzt sich aus". In der platonischen Liebe zur Sprache demonstriert Enzensberger gleich zu Beginn unseres Gesprächs brillant, wie sich die Sache der Literatur selbst überzeugend benennen und verteidigen lässt. Die leidenschaftliche Energie seines Denkens konnte man die feste Überzeugung anklingen, der literarische Diskurs sei untrennbar mit der Geste des unerschrockenen Auftretens verbunden, mit dem Geist des offenen Sich-Aussetzens.

Da die Zeit für dieses Gespräch recht kurz bemessen ist, gehen wir, in einer Art sprachlichem Wettlauf mit der Zeit, gleich zu den entscheidenden Fragen über, auch wenn sich diese gegen ein allzu schnelles Gesagtwerden sträuben. Um das Wesentliche bemüht, richten wir also unser Gespräch sogleich auf das akute Problem des Zerfalls der konventionellen Genres und in Zusammenhang damit auf die Krise des literarischen Verfahrens. Die Aufhebung der strengen Unterscheidung zwischen textuellen Gattungen versuchen wir an einer nahezu unsichtbaren, philosophisch-literarischen Grenze zu formulieren, an einer Stelle, die eine Zone der fruchtbarsten Begegnungen sein könnte, ein Zwischenraum der Stilisierung eines neuen, hybriden Diskurses. Enzensberger stimmt stillschweigend zu, dass wir uns aus diesem Grenzbereich heraus äussern sollten, welcher uns die Chance bietet, an diesem aufregenden Austausch zwischen philosophischem und literarischem Temperament teilzunehmen. In unserem Enthusiasmus für die Theorie versuchen wir sofort, dieses Problem in einen bestimmten philosophischen Kontext hineinzuversetzen, in die für diese Frage unumgängliche theoretische Diskussion zwischen Jacques Derrida und Jürgen Habermas. Unser Berufen auf das dekonstruktivistische Nivellieren des generischen Unterschieds zwischen dem philosophischen und dem literarischen Text findet keinerlei Anklang. Der Dichter bleibt völlig gleichgültig gegenüber der Idee, das Medium der Schrift könne dem Text eine fundamentale Autonomie bieten, indem es den allgemeinen Unterschied zwischen dem buchstäblichen und dem fiktiven Diskurs ausgleicht. Er lässt sich überhaupt nicht in die verführerische Verflechtung von philosophischen und literarischen Genres ein, die letzten Endes in die Strömung des "allgemeinen Textgeschehens" einfliessen. Gerade umgekehrt, im unverzagten Sich-Aussetzen besteht Enzensberger nicht nur auf dem generischen Unterschied, sondern auch auf dem Genre-Primat des literarischen Texts, insbesondere im Vergleich mit dem testamentarischen Schreiben der Philosophen. Unser Gesprächspartner gehört nicht zu jenen Schriftstellern, die gerne mit philosophischen Geschichten flirten und in ihnen die schmarotzerische Chance für einen Beitrag besonderer Art suchen. Im Gegensatz zu den Vertretern der neuen Textualität vertritt er energisch seine grundlegende Überzeugung, die Literatur sei schicksalhaft mit der "Welt des Lebens" verbunden. Ihm zufolge setzt sich die Literatur authentisch nur in der totalen Solidarität mit den Grenzfragen der Existenz aus. Andererseits ist die diskursiv geschriebene Philosophie inadäquat, um brennende Fragen der Zeit zu formulieren, ihre Reflexion bewegt sich unterhalb der akuten Probleme. Während wir uns argwöhnisch zurückziehen, pointiert Enzensberger elegant seinen dichterischen Standpunkt. Im Gegensatz zu den Philosophen, die von der reproduktiven Ökonomie theoretischer Zeichen leben, "bewegt sich die Literatur massgebend im Wald, in einer dschungelähnlichen Welt, durch die sie sich wacker vorwärtskämpfen muss". Angesichts der akuten Probleme der Welt hat die Literatur keine Zeit für theoretisches Feilschen mit der Philosophie. Wenn die Literatur ein lebendiges Pergament ist, welches im Sekundenstil die Chronik der "Welt des Lebens" aufzeichnet, dann kann sie keinerlei Verpflichtungen gegenber theoretischen Forderungen haben. Denn Enzensberger zufolge "wirken philosophische Theorien wie zauberhafte Sirenen, vor deren verführerischem Gesang die Schriftsteller sich die Ohren zuhalten müssen, um wenigstens ein Minimum jener Naivität im Leben zu bewahren, welche die Natur so bitter nötig hat". Hier haben wir den Eindruck, dass unser Gesprächspartner die alte Figur des Dichters als Zeugen und vielleicht sogar des Schriftstellers als neuen Kulturhelden bis zum restaurativen Glanz erneuert hat: Ein solches, übernommenes literarisches Mandat, ausgesprochen in einer kraftvollen Geste des autobiographischen Sich-Aussetzens, lässt sich nicht so leicht anfechten. Obwohl wir uns mit diesem Standpunkt theoretisch nicht solidarisieren können, haben wir das Gefühl, dass jedes weitere Bestehen auf zustäzliche Argumente wie eine überflüssige philosophische List wirken würde. Sogleich verlassen wir dieses Gebiet, in dem gerade die Schriftsteller und Dichter thronen, als "authentische Zeitzeugen, von innen, im Gegensatz zu den Philosophen, die die Dinge von der Seite beobachten".

Trotz einiger Probleme mit unserem Tonband bemühen wir uns, ohne Unterbrechungen, im ständigen Wettlauf mit der Zeit, nun jene Sphäre zu betreten, der unser Gegenüber eine privilegierte Stellung eingeräumt hat, dies ist die Frage nach dem Genre-Status des sog. epischen Diskurses. Wir nutzen die Gelegenheit, um Enzensberger diskret in den hiesigen Literaturbetrieb hineinzuversetzen und ihn mit diesem zu konfrontieren. Dort hat sich ein anachronistisches literarisches Verfahren durchgesetzt, welches mit Verspätung die recht alte und naive Form des realistischen Romans wiederaufleben lässt. Die aufdringliche Anwesenheit eines überholten literarischen Stils wird von uns am Beispiel, oder besser gesagt am Modell von Cosic' Verfahren illustriert, welches sich uneingeschränkt auf der repräsentierenden Funktion des Schreibens gründet. Die Leserfreundlichkeit und die massenhafte Rezeption von Cosic' Lektüre haben seine literarischen Gegner veranlasst, ihn, nicht ohne einen gewissen ideologischen Schatten, als "sozialistischen Jakov Ignjatovic" zu bezeichnen. Wir fügen hinzu, dass Cosic in einem bestimmten Sinn ein grosser serbischer Schriftsteller ist, vielleicht auch der Vater des "nationalistischen Bildungsromans", dessen plebejisches Genie sich nicht in der sprachschöpferischen Kraft seiner Prosa erschöpft. Bei dieser Gelegenheit beschäftigen wir uns nicht eingehender mit Cosic' umstrittenen Ausflügen in die Politik, und wir verlagern den Schwerpunkt unserer Polemik auf seine eminent schriftstellerische Praxis. Eine ausserhalb jeglicher Kontroversen liegende Tatsache ist, dass sich sein literarischer Text an zahllosen Stellen mit der Realität kreuzt. Fragwürdig bleibt jedoch der Umstand, dass unser Autor naiv versucht, gerade über die "referentielle Illusion" im Text einen Wirklichkeitseffekt zu erzeugen. Seines ausgedehntes und ganz und gar langweiliges realistisches Erzählen, voller konkreter Details und vergeblicher Deskription, erstickt regressiv das literarische Zeichen und verwandelt dieses in einen konnotativen Spiegel der Wirklichkeit. Wir weisen Enzensberger darauf hin, dass ein solcher romanesker Realismus unterhalb des Niveaus formell-stilistischer Leistungen der Ècriture moderne fällt. Cosics narratives Modell sträubt sich nahezu provinziell gegen die ästhetischen Zwänge sophistizierter literarischer Techniken. Wie ist es überhaupt möglich, dass sich jemand als Autor das Recht ausnimmt, etwas mit dem "nouveau roman" zu tun zu haben, ohne die neue "Logik der Symbole" zu beherrschen, die zu den Fundamenten des bereits verwirklichten Projekts der europäischen literarischen Moderne gehört.

Im Gegensatz zu unserem, spezifisch philosophischen "Ressentiment" verhält sich Enzensberger viel toleranter in bezug auf Cosic' literarische Promotion des literarischen Diskurses. Ein solcher literarischer Anachronismus wurde seinerseits in die interpretative Figur der UNGLEICHZEITIGKEIT hineinversetzt. Aus seinem kurz gehaltenen Kommentar lässt sich eine kollegiale Solidarität besonderer Art heraushören: obwohl er dies nicht billigt, bemüht er sich, jene literarischen Prediger des epischen Diskurses zu verstehen, die, einem verirrten Eremiten gleichend, den symbolischen Sturm verschlafen haben, und so hoffnungslos versuchen, die verwehte Referentialität auferstehen zu lassen. Dabei verweist er vorsichtig auf die ungewöhnliche literarische Zähigkeit des veralteten literarischen Verfahrens, welches seine sekundäre Zuflucht in zurückgebliebenen Kulturzonen und national-literarischen Provinzen gefunden hat. Für diesen als Kommerzial- und Trivialliteratur getarnten literarischen Anachronismus wird vielmehr auf der europäischen Literaturszene in der letzten Zeit aufdringlich Werbung gemacht. Im Gegensatz zu unserem gut unterrichteten Analytiker bleiben wir zurückhaltend gegenüber seinem Standpunkt, die LITERARISCHE DIACHRONIE sei imstande, verspäteten und überholten Formen des epischen Erzählens ein Alibi zu verschaffen. Im Vergleich mit der tadschikischen Folklore- und Stammesliteratur, tröstet uns unser Gesprächspartner, haben der serbische exotische Schriftsteller und der literarische Held ein recht gutes Rating. Mag sein, dass er die symbolische Stimme eines unglcklüichen Volkes ist, welches aus der grossen Geschichte herausgefallen ist und seine Rolle eines Tages vielleicht in der kleinen wiederfinden wird.

Während Enzensberger rechtzeitig die bevorstehenden Termine überprüft, nehmen wir die Gelegenheit wahr, unter dem starken Eindruck des tadschikischen Trosts, auf den Fall von Danilo Kip überzugehen, der beispielhaft dem Zwang des verdächtigen Aufgebens und der Gewaltsamkeit seines weiteren bertragens widerstanden hat. Er hat mit einem unglaublichen literarischen Charme das "heimatliche Literaturtrauma" überwunden. Die traurige Überheblichkeit des epischen Erzählens war ihm fremd, und im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen war er nicht an der konjunkturellen Eingliederung in die provinzielle literarische Tradition interessiert. Mit unverhohlener Sympathie stellten wir fest, dass gerade Danilo Kip einer jener herausragenden Schriftsteller war, der die lokale, jugoslawische Literatur zur Weltliteratur erhoben hat.

Obwohl sich das Gespräch allzu schnell dem Ende zuneigt, können wir nicht umhin, unseren Gast mit der polemischen These über den globalen Niedergang der grossen Welle der kritischen Idee in Europa zu konfrontieren. Mit diesem Eingriff wollen wir nicht das moralische Ansehen und die intellektuelle Reputation von Enzensbergers mutigem Engagement untergraben. Wir wollten nur seinen Kommentar als Autor über die provokative Hypothese von den verbrauchten kritischen Ressourcen hören, die immer schon engagierte Projekte kreditiert haben. Wir begründen also in verkürzter Form, dass der gesamte Zyklus der kritischen Idee weit hinter uns liegt und zur ins Wanken geratenen Tradition des europäischen Geistes gehört. In einer Art bezaubernder Naivität hat der kritische Geist seit jeher vampirhaft seinen "Gegenstand", den er auslöschen wollte, zum Leben erweckt. Die tätige Zeit der Negation stellt sich als gezähmte Affirmation heraus. Die kritischen Modelle scheinen ihre assimilierte Niederlage ausgespielt zu haben. Von der explosiven Energie der kritischen Tradition des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts sind heute nur theatralisches Abstreiten, rituelle Negationen übriggeblieben. Die zerstörerischen Effekte der kritischen Energie werden allzu leicht wieder in den Mittelpunkt des installierten Systems investiert. Heute ist uns klar, dass gerade die kritischen Prozeduren jenen Meta-Kontroll-Regulator darstellen, der das alte System perpetuiert, indem er ihm einen ungestörten Zustrom von neuer sozialer Energie sichert. Vielleicht liegt der Ausweg aus dieser kritischen Falle, in die wir uns nicht ohne eigenes Verschulden hineinmanövriert haben, in einer ganz und gar anderen Strategie, die nicht mehr eine fremde Welt zweckgebunden instandhalten, sondern eine neue, parallele Welt aufbauen wird. Diese strategische Wende erschien uns schmerzloser und ökonomischer.

Enzensbergers Reaktion ist ausgeglichen: er versucht unsere undifferenzierte Pessimismus bezüglich der kritischen Tradition zu relativieren. Er verwirft kurzerhand die radikalistischen Forderungen der Kritik und ihre normative Zuständigkeit. "Die bisherige Sozialkritik war grösstenteils von ideologischen Modellen infiziert, von denen sie wiederum erstickt wurde. Umgekehrt hat sich die hochgespielte Ideologiekritik rückwirkend als rein ideologisch herausgestellt. In der gefährlichen Nähe der Zensur wurde sie systematisch kastriert". Das theoretisch-praktische Engagement müsste sich des übernommenen Mandats entledigen - der geschichtlichen Legitimierung der Kritik - dessen Wurzeln in der abgedroschenen Tradition der Aufklärung zu suchen sind. Wir sind uns im klaren darüber, dass Enzensberger trotzdem nicht geneigt ist, die globalen Ambitionen des traditionellen Konzepts der Kritik zu verwerfen, lieber würde er sie eingrenzen. Die überholten Werte der kritischen Geste sind ihmzufolge in der "inneren Spannung der Geistesarbeit" bewahrt, in jener Art von Negativität, die seine weitere Fortentwicklung begünstigt. An dieser Stelle kreuzen sich unsere Analysen und fliessen in eine gemeinsame Einstellung ein: wir sprechen inmitten des Endes, der letzten Etappe, der falschen Inspiration des kritischen Bewusstseins, dessen übriggebliebene Impulse nur dann fallen werden, wenn sie fragmentarisch entmachtet, präzise geortet und formal diszipliniert werden. Obwohl diese jahrhundertelangen Träume von globalen kritischen Utopien niemals Wirklichkeit geworden sind, scheint die Erinnerung daran im selbstbewussten Partikularismus kleiner Erzähltechniken bewahrt zu sein. Wir hegen die vernunftige Hoffnung, dass wir uns heute mit diesen mikrologischen Perspektiven zufriedengeben können, welche die beängstigenden Ambitionen des kritischen Nivellierens des ansonsten differenzierten Weltbilds endgltig verdrängen könnten. Andernfalls wird die kritische Kultur ihren totalen Zusammenbruch erleben, und zwar gerade auf der politischen Bühne, also auf dem gesellschaftlichen Exerzierplatz, der immer schon der exotische Mittelpunkt ihres rituellen Entschwindens gewesen ist.

Der innere Rhythmus des Gesprächs zwingt uns, den Schwerpunkt der unprätentiösen und unbefangenenen Analysen auf das Problem der Krise des intellektuellen Engagements in der postkritischen Kultur zu verlagern. Gerade im Augenblick der Verkündung des Todes der kritischen Tradition ist der böse Geist der Intellektuellen in neuem Glanz des übermässig banalen Engagements auferstanden. Da sich die Kritik enttäuscht zurückgezogen hat und das Engagement träge und lustlos geworden ist, wirkt die Statthalter-Gestalt des Intellektuellen ausgesprochen bizarr. Heute ist er eine traurige Parodie des einstigen "Denkers auf der Bühne", ein promiskuitiver Clown auf dem Schauplatz der Öffentlichkeit. Das rhetorische Topos dieses modernen Schamanen ist auf die kollektive Verführung ausgerichtet, eine massenhafte Navigation in Richtung eines phantomhaften, inszenierten Weltbilds. Sie alle, die im "Schatten einer schweigenden Mehrheit" Lebenden, sind bereits jetzt faktische Geiseln seiner allgegenwärtigen verführerischen Sprache. Die heutigen Intellektuellen sind wahrlich hochgestylte Sprecher der "zeremoniellen Zeichen der Ergebenheit". Enzensberger pflichtet bei, dass die klassische Position des engagierten Intellektuellen nahezu unhaltbar sei. Sie ist die virtuelle Stelle des Zusammenbruchs der kritischen Idee, ein privilegierter Raum seines aufgeschobenen Todes. "Mir scheint, dass die Figur des Intellektuellen eine spezifische Konstruktion gewesen ist, in der es schon immer ein illusorisches Moment gegeben hat, von dem wir uns niemals befreit haben". Dem Urteil des Dichters zufolge steht uns eine grosse Revision der "sozialen Konfiguration der Intellektuellen" bevor, eine öffentliche überholung einer bereits überholten Figur, des Kulturhelden. Für uns ist der engagierte Intellektuelle trotzdem das unglückliche Gewissen des kritischen Zeichens. Wenn er überhaupt etwas von seinem verbliebenen Format bewahren will, müsste sich der Intellektuelle freiwillig dem Risiko der selbstparodierenden Demythologisierung aussetzen. Anstatt kritisch die der anderen zu untergraben, könnte er schleunigst die Richtung ändern und seine eigene Kunst der Blendung hintertreiben. Falls er diese neue symbolische Energie des Rückzugs beherrscht, wird er nicht mehr in das Spiel jener unsichtbaren Herrschaftsformen verwickelt werden, in denen er Objekt und Instrument zugleich ist. Vielleicht wird die angekündigte Desakralisierung zu seinem zukünftigen Anti-Schicksal werden. Enzensberger hat den Eindruck, wir seien zu weit gegangen und hätten nur eine, die ironische Seite der Autoreflexion betont, die überdies zum Minimum jeglichen kultivierten Engagements gehört. Die vorgeschlagene Strategie der intellektuellen Selbstironie kommt ihm wie ein leichtfertiges Spiel vor, wie ein der Mode nachjagendes Jonglieren, hinter dem nur die verzückte Verantwortungslosigkeit der Postmoderne steht! Er rät uns, die Tatsache zu beachten, dass sich "kein Moment oder irgendeine Seite der binären Struktur, beispielsweise der Tragikomödie tabuisieren lässt. Wir haben das Recht, ernst und verzweifelt als auch gleichzeitig lächerlich und fröhlich zu sein". Enzensbergers ausgeglichenes Räsonnement wirkt auf uns wie ein inversives Echo jener inzestuösen Dialektik von Gut und Böse, die längst in der gegenseitigen Gleichgültigkeit verendet ist. Wir setzen hinzu, der Ausweg könnte auf einer dritten Seite zu finden sein, die Adorno paradigmatisch formuliert hat: "Die Einsamkeit ist der einzige Weg für den Intellektuellen, seine Würde zu wahren". Diese Maxime erschien unserem Gesprächspartner als übertrieben pathetisch: "Aus der aufrichtigen Selbstisolation darf man keine Tugend machen. Der erzwungene Rückzug schaltet uns aus und lenkt uns ins Leere. An diesem Vakuum, dieser Isolations-Seifenblase, würden nur jene weltverlorenen Intellektuellen Gefallen finden, die immer noch von ihrer ausserordentlichen und unvergänglichen Grösse träumen".

An dieser Stelle wird unser freundschaftliches Plaudern jäh und ohne irgendwelchen Rituale unterbrochen. Erst nachdem wir das Hotel "Palace" verlassen haben, erfahren wir, dass Enzensberger zum bereits vereinbarten Treffen mit den Vertretern des serbischen PEN-Clubs eilt. Unterwegs tauschen wir im Schnellschritt kurze Informationen über Sloterdijk und die Fraktaltheorie, die Morphologie des afrikanischen Märchens und Schweizer Käse aus, über die aufgeschobene Demokratie und das zerstörte Sarajevo. In der Francuska 7 erwartet uns Predrag Palavestra samt der zweifellos etablierten patriotischen Kräfte. Wir atmen auf: Unsere Delegation ist repräsentnativ zusammengesetzt; der Erfolg kann nicht ausbleiben. Was sonst kann man von der supersonischen Versammlung der serbischen Schriftsteller erwarten, angeführt von einem gottbegnadeten Journalisten und Schriftsteller; einem Literaten und Theoretiker; einem Direktor und Redakteur; einem Mitglied der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste und des PEN-Clubs; einem Laureaten des April-Preises von Sarajevo und des Belgrader Oktober-Preises, mit einem Wort, einem Vertreiber der Finsternis und einem Freund des Friedens. Mit viel legerem Charme, beim Kaffe und obligaten Schnaps haben die Serben mit hoher Literkapazität gleich am Anfang, rein diplomatisch, Enzensberger zu verstehen gegeben, er habe soeben den Tempel der serbischen Opposition betreten, sozusagen das Heiligtum der Dissidenten. Unser Stolz war grenzenlos, als wir aus erster Hand die exklusive Nachricht erfuhren, dass gerade in der Francuska 7 der Plan des Zusammenbruchs des Ostblocks vorbereitet und realisiert wurde. Welche literarische Bruderschaft kann sich eines solchen antikommunistischen Pedigrees rühmen? Da muss man einfach stolz sein! Nach dem preliminären Weiheakt konnte man also zur heiligen Rede, zur erhabenen Predigt über das "serbische Nationalinteresse" übergehen. Unsere legeren und selbstsicheren Schriftsteller sind faszinierend, mit ihrer unendlichen "wilden Fiktion", einem neuen literarischen Genre, mit dem sie sich ingeniös um die alte Poetik des Falsifizierens verdient gemacht haben. Wir verspüren leidenschaftliches Vergnügen, ein lokal-spezifisches Lustgefühl, während sich vor uns kollektive Rituale der Transparenz abspielen. Vor der unerbittlichen, heimatlichen Wahrheit, die obendrein allgemein bekannt ist, obwohl noch niemand etwas davon weiss, denn sie hat sich noch nicht rumgesprochen, verstummt Enzensberger vollkommen; er wirkt wie ein umherirrendes Molekül aus einem Feindesgebiet, welches jeden Augenblick von den Serben erobert werden wird. Die koordinierten Auftritte unserer literarischen Voyeure sind erbarmungslos und grausam: mit der nationalen Wahrheit ist weder ein Kompromiss noch Feilschen möglich. Die Wahrheit ist serbisch, oder es gibt sie nicht. Alles muss objektiv und unparteiisch gesagt werden: Die Serben sind unschuldige Opfer der "neuen Weltordnung". Die Verschwörung ist global und wirkt diffus auf allen Fronten, von den Vereinten Nationen und der NATO über UNICEF und UNPROFOR bis hin zum Vatikan und den Freimaurern. Auf der Hitliste der einheimischen Verräter befindet sich in Spitzenposition immer noch der unvermeidliche Tito. Die ungerecht auferlegten Sanktionen gefährden bereits die vitalen serbischen Interessen, und zwar von den leeren Apotheken bis zu den vollen Krankenhäusern. Der aufgenötigte Tod breitet sich auf unserem Gebiet, den heiligen serbischen Ländern, gefährlich aus. Enzensberger wird auf die Folter gespannt, die menschliche und moralische Übergelegenheit unserer Literaten ist unbestritten. Der deutsche Dichter schweigt engagiert, als würde er an dem lokalen Wettbewerb "Sieben Tage der Langeweile" teilnehmen. Der serbische PEN-Club befindet sich, was die internationale Gemeinschaft betrifft, in einem Zustand radikaler Resignation. Sie sollten aufpassen, was sie tun, die Wahrheit ist auf unserer Seite. Begeistert und von neuer Hoffnung beseelt verlassen wir dieses Treffen, bei dem die befugten Stars unseres PEN-Clubs, diese Meister des beflügelten Konsensus Enzensberger gezeigt haben, dass der Westen oberflächlich denkt und die Serben sich tiefgreifend etwas vormachen. Unser Gast soll wissen, dass wir schon immer ein Land der tiefen Abgründe waren.



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